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Malteser Hannover

Dieser Tag bleibt im Gedächtnis

Bei ihrem „Herbstvergnügen“ tanzten die Malteser in Hannover gegen das Vergessen an

30.10.2018
Der Rhythmus bleibt im Blut, auch wenn das Gedächtnis nachlässt; Bildquelle: Schulze/Malteser

Hannover (mhd). Wenn Peter Alexander seine Sorgen zählt und im Westerwald der Wind kalt weht – dann wird wieder getanzt bei den Maltesern in Hannover. Am vergangenen Samstag, 27. Oktober, lud Demenzkoordinatorin Bettina Mohr gemeinsam mit der Alzheimer Gesellschaft Hannover e.V. und den Caritas-Seniorendiensten Hannover zum musikalischen „Herbstvergnügen“ in den Gemeindesaal der Pfarrgemeinde St. Augustinus in Hannover-Ricklingen ein. Zu Kaffee, Kuchen und Polonaise kamen vor allem demenzkranke Menschen und deren Angehörige und Betreuer.

Über der Goldenen Hochzeit vor drei Jahren lag schon der erste Schleier des Vergessens, heute findet Jürgen Preuss sein Haus nicht mehr und erkennt nur noch Frau und Sohn. „Doch wenn er Musik hört, dann geht es los“, sagt seine Frau in einer Tanzpause und lächelt, etwas außer Puste. Gerade hat Monika Preuss mit ihrem Mann gekonnt einen Jive aufs Parkett des Gemeindesaals gelegt. Dass die beiden 77-Jährigen seit 1961 ein eingetanztes Paar sind, merkt man sofort. Doch so sehr sie auf der Tanzfläche auch harmonieren – so sehr ist ihr Leben aus dem Takt geraten. Der Maschinenbauingenieur und ehemalige selbstständige Unternehmer wird zunehmend dement und braucht seine Frau rund um die Uhr. Kleine Fluchten aus dem grauen Alltag bietet auch zuhause die Musik. „Dann lege ich meine alten Bill-Haley-Platten auf und stelle sie ganz laut“, verrät Monika Preuss mit einem versonnenen Lächeln.

Die regelmäßigen „Tanzvergnügen“ dagegen bieten gemeinsame Fluchten in die Welt von Melodie und Rhythmus. Seit sieben Jahren schon lockt im Oktober das „Herbstvergnügen“, während der „Tanz in den Mai“ dem Frühling neuen Schwung gibt. Mit 50 Teilnehmern hat die Gruppe um Demenzkoordinatorin Bettina Mohr einmal angefangen. Nun kommen regelmäßig über 80 Gäste. Das „Herbstvergnügen“ am vergangenen Samstag brach mit 88 Tanzbegeisterten alle Rekorde.

Die meisten Besucher wohnen in verschiedenen Einrichtungen in Hannover, wo gezielt für diese Tanzveranstaltungen geworben wird. Mit 40 Betreuten, Betreuern und Angehörigen stellte die „Betreutes Wohnen (BeWo) e.V.“ die größte Gruppe. Vertreten waren aber auch die Gerontopsychiatrische Beratungsstelle „Lindenbaum“ der Caritas, „Medizin Mobil“ aus Langenhagen, das Pflegeheim Karl Flor und das Seniorenpflegezentrum „Integra“ aus Empelde-Ronnenberg.

„Für unsere Bewohner ist dieses Tanzvergnügen jedes Mal ein Highlight“, erzählt Nadya Klarmann, Geschäftsführerin und Pflegedienstleitung der BeWo e.V., „zwei Wochen freuen sie sich darauf und zehren danach noch zwei Wochen davon.“ Vermutlich wissen die Gäste am folgenden Tag nicht mehr wo sie waren, aber dass sie etwas Schönes erlebt haben, das bleibt im Gedächtnis.

Darauf komme es an, pflichtet Ulrike Moes bei. Die Mitarbeiterin der Alzheimer Gesellschaft Hannover e.V. muss es wissen. Sie hat das „Tanzvergnügen“ gemeinsam mit Malteserin Bettina Mohr und Martina Robel von den Caritas-Seniorendiensten, Hannover, gegründet. Viele der Einzelpaare an diesem Nachmittag sind auf Einladung von Moes gekommen, so auch Ehepaar Preuss. Das „Tanzvergnügen“ solle nicht in erster Linie therapieren, sondern die Menschen einfach nur für zwei Stunden aus ihrem Alltag holen und glücklich machen, erklärt die Sozialpädagogin. „Hier erinnern sie sich plötzlich an Melodien und Texte und erleben sich selbst für einige Stunden wieder als kompetent.“

Eine lohnende Aufgabe, der sich auch Sänger und Entertainer Paul Harwin aus Überzeugung stellt. Während die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Malteser und der Alzheimer Gesellschaft von Tisch zu Tisch gehen und Mandel-, Streusel- und Butterkuchen anbieten, stimmt der Musiker auf seinem Keyboard schon routiniert die ersten Melodien an. „Spiel mir eine alte Melodie“ wird zum musikalischen Motto des Nachmittags und wenn der 69-jährige mit der Frank-Sinatra-Stimme mit „Anneliese, ach Anneliese“ und dem „Tirolerhut“ zur Polonaise ruft, bleibt niemand auf seinem Stuhl. Selbst die Rollstuhlfahrer werden dann eingereiht und klatschen mit.

„Manche meiner Kollegen halten solche Auftritte für unter ihrer Würde“, sagt Vollblutmusiker Harwin, „aber ich mache das gerne. Die Freude der Menschen belohnt dafür.“

 

Informationen zu den „Tanzvergnügen“:
Bettina Mohr
Koordinatorin Besuchs- und Demenzdienste
Malteser Hilfsdienstes e.V. Diözese Hildesheim
Stadt und Region Hannover
Göttinger Chaussee 147, 30459 Hannover
Tel.: (0170) 9280544
Fax: (0511) 21374865
E-Mail: Besuchs-u.Demenzdienst.Hannover(at)malteser(dot)org
oder: Bettina.Mohr(at)malteser(dot)org
Web: www.malteser-hannover.de

Weitere Informationen

Unser Spendenkonto: Malteser Hilfsdienst e.V.  |  Pax-Bank  |  IBAN: DE49370601201201209010  |  BIC / S.W.I.F.T: GENODED1PA7